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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

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Tanzorchester
Big ist Trumpf

 

Die großen Tanzorchester in Deutschland

Nachdem selbst Nazi-Zensur den Swing nicht aus den Volksempfängern hat verbannen können, beginnt mit den Fünfziger Jahren die Zeit der Tanzorchester. Erwin Lehn gründet in Stuttgart sein Südfunk Orchester, wohin ihm der Chemnitzer Trompeter von Weltformat Horst Fischer folgt. Fips Fleischer wird zum "King Of Swing der DDR", der Lipsi soll den Arbeiter- und Bauernstaat auch in Sachen Tanzkultur nach vorne bringen. Und in der BRD heuern Max Greger, Paul Kuhn und James Last immer wieder in den Samstag Abend-Sendungen des Fernsehens an.

Die kleine Form in kleinen Clubs, die große Form in großen Hallen - so hört man den Jazz. Noch heute. Auch wenn das Repertoire der großen Tanzorchester weit über den Swing hinaus geht, auch wenn die Orchester zu großen Unternehmensfeiern oder dem obligatorischen Abschlussball der Tanzschule spielen: Neben den Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen gehören Evergreens aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Basisprogramm. Und auch wenn ein James Last in den Siebziger Jahren noch so sehr mit der leichten, ja sehr leichten Muse flirtete: Ohne den Jazz der großen Besetzung hätte die Orchestermusik in BRD und DDR vollkommen anders geklungen. Alle Orchesterleiter und alle wichtigen Solisten kamen vom Jazz.

Zum Beispiel Kurt Edelhagen: Er, den sie später den "deutschen Stan Kenton" nennen sollten, wurde 1920 in Herne geboren. An der damals bereits renommierten Folkwangschule in Essen lernte Edelhagen, wie man Klavier und Klarinette spielt. Während des Krieges spielte er das Blasinstrument in einem Wehrzug. Danach aber zeigte sich schnell, dass der Swing das Verbot unter der Nazi-Diktatur überlebt hatte. Zwar war der als "Negermusik" diffamierte Jazz unter Reichskulturminister Goebbels verboten. Gerade aber der Bigband-Sound war auch beim deutschen Publikum derart beliebt, dass die Nationalsozialisten dieses Verbot nur sehr lax einhielten. So wurden im Radio ständig Swing-Hits gespielt wie etwa "Karawane" von TanzsinfonieOrchester Peter Kreuder - die simple Eindeutschung eines Duke Ellington-Hits.

Zuhause wurde Swing gehört

Wie seine musizierenden Freunde jedenfalls konnte sich auch Edelhagen ganz besonders für diese so lässig groovende Musik aus den USA begeistern. Man hörte zuhause Fletcher Henderson und Benny Goodman. Und als dann die englischen Truppen nach einer Band für ihr "Battle Axe Club" in Herne suchten, stand Edelhagen schon bereit: Nur einen Monat nach dem Ende des 2. Weltkrieges, am 11. Juni 1945, hatte der Klarinettist und Pianist eine 12-köpfige Big Band zusammen. Ein knappes Jahr später spielte diese erste BRD-Big Band schließlich auch vor einem deutschen Publikum. Auch die weitere Geschichte Edelhagens verlief beispielhaft für viele andere Bandleader in BRD und auch DDR: Erste Radioaufnahmen für Alliiertensender, Touren durchs Land, schließlich Verträge mit den neu gegründeten Landesrundfunkanstalten.

Rundfunk und TV in Ost und West

Denn in West wie Ost brauchten die neu organisierten Radiosender ihre Tanz- und Unterhaltungsorchester. Während Edelhagen 1952 beim Südwestfunk Baden-Baden unterschrieb, ging mit Horst Fischer ein Trompeter von Weltformat aus seiner Geburtsstadt Chemnitz nach Stuttgart, um in Erwin Lehns Südfunk Orchester zu spielen. Fips Fleischer dagegen blieb im Osten: Der Schlagzeuger des Rundfunk-Tanzorchester Leipzig wurde im Laufe seiner Karriere zum "King Of Swing" der DDR. Selbst Ulbricht mochte ihn, obwohl die SED schon 1955 "amerikanische Jazzmusik" ausmerzen und eine "fortschrittliche" Unterhaltungsmusik" entwickeln wollte. Bekanntestes Produkt der Anstrengungen war der Lipsi. Als Alternative sowohl zu Swing und Rock'n'Roll gleichermaßen wurde der Tanz 1962 in einer Leipziger Tanzschule lanciert und in großem Stile von Medienkampagnen und Band-Wettbewerben flankiert. Auch das Rundfunk-Tanzorchester Leipzig spielte den Lipsi und landete im Staatsfernsehen.

Das TV sorgte auch in der BRD noch für eine verlängerte Lebenszeit der Tanzorchester. Die Samstagabend-Shows kamen bis zum Ende der 70er Jahre kaum ohne ihre Hugo Strasser, Max Greger, James Last und Paul Kuhn aus. Doch längst hatte der Rock'n'Roll die Spielregeln populärer Musik völlig verändert. Als dann in den 80er Jahren auch noch das Musikfernsehen aufkam, da war die Zeit der großen Tanzorchester endgültig vorbei. Mit Ausnahme von Bällen, Unternehmensfeiern und dem obligatorischen Tanzschulen-Abschluss.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Helmut Zacharias, Klaus Hallen Tanzorchester, Orchester Markus Schöffl, Alfred Hause Orchester, Günter Noris, Helga Brauer

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Hugo Strasser: Hugo Strassers Tanzalbum des Jahrhunderts [1994]
Fips Fleischer Orchester: Keep Swinging [2000]
Max Greger und sein Orchester: Die 20 Besten Bigband Hits [2000]
James Last: Lounge Legends [2001]
Kurt Edelhagen: Trumpet Blues [2003]
Paul Kuhn & SFB Big Band: Paul Kuhn & SFB Big Band [2004]
V.A.: Unerwünschte Musik [2004]