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"Klassik"
Was ist Klassik?

 

Der europäische Kern des Begriffs wird zunehmend aufgeweicht

Die Streichquartette opus 33 von Haydn, die Kompositionen des W.A. Mozart aus der Wiener Zeit und Beethovens "Eroica – kein Zweifel, diese Werke gehören zu den Standards der klassischen Musik. Seit einigen Jahren stellen die Veröffentlichungen des Kronos Quartett oder eine neuere CD-Reihe wie "Klassik International" allerdings den Kern des Begriffs in Frage.

"Klassik" ist ein europäisches Konzept. Jene drei Kernaspekte, die in dem Begriff mitschwingen, ergeben sich aus der spezifischen Geschichte Mitteleuropas. Engste mit dem Wort "Klassik" verbundene Assoziation ist die musikalische Epoche der Wiener Klassik. In der zweiten Hälfte des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablieren Haydn, Mozart und Beethoven durch als "meisterhaft" geltende Kompositionen neue musikalische Formen. Besonders die neue Sinfonie, das kammermusikalische Streichquartett, das Klavierkonzert und die Klaviersonate sind nach diesen drei - zeitweise in Wien lebenden - Komponisten nicht mehr aus dem Repertoire komponierter Musik wegzudenken.

An die spezifische Epoche knüpft auch die zweite Assoziation mit dem Klassikbegriff an: Mit "klassisch" wird eine Musik oder Musikepoche attribuiert, die als besonders vollendet und die Zeiten überdauernd empfunden wird. So gilt die Zeit vor der Revolution 1789 mit den Komponisten Jean-Baptiste Lully und Jean-Philippe Rameau als Klassik in Frankreich. Schubert gilt als Klassiker des Liedes, Bach als Klassiker der Kirchenmusik.

Dass "Klassik" ein derart wertender Begriff ist, beruht drittens auf der Herkunft des Wortes. Abgeleitet ist es aus dem lateinischen "Classis prima" und somit aus der Bezeichnung für die erste, also privilegierte und definitionsmächtige Bürgerklasse Roms.

Zentral ist die Mustergültigkeit

Die Veröffentlichungsreihe Klassik International stellt nun die These auf, dass viele Gesellschaften und Gemeinschaften der Erde eine "klassische" Musik besitzen. Auf sechs unterschiedlichen CDs werden die verschiedenartigsten Musiken vorgestellt. Im Booklet wird jedes Stück in seinen spezifischen Kontexten erklärt, womit eine Exotisierung der Auswahl vermieden werden soll. Der Klassikbegriff der Serie setzt beim Aspekt der Mustergültigkeit an.

So dominieren auf den CDs China & Indonesien und Japan & Korea die Kunstmusiken mit langer Tradition. In beiden Fällen ist die Musik derart ausgewählt worden, dass man mit Freude und Lerneffekt hört. Etwa wenn bei Etenraku, einem Traditional der japanischen Hofmusik Gagaku, eine selten zu hörende Kontemplation geschaffen wird. Ebenso nachvollziehbar kompiliert sind die Tonträger Türkei & Arabien und Indien. Hier werden Musiken vorgestellt, die nur durch eine spezifisch ausgebildete Elite in ihrer Vollendung interpretiert werden können. Diese Institutionalisierung findet in der europäischen Klassik mit den Musikhochschulen und Konservatorien ihre Parallele.

Patchwork-Klassik

Das Kronos Quartett aus San Francisco dagegen weicht die Eindeutigkeit des Klassikbegriffs quasi von der anderen Seite her auf. Rein formal erfüllt man alle gängigen Wünsche an ein klassisches Streichquartett. Zwei Violinisten, ein Violaspieler sowie eine Cellistin spielen mit Hingabe und virtuoser Instrumentenbeherrschung. Was sie spielen, das allerdings lässt die Klassikvorstellungen wackeln, und das seit ihrer Gründung im Jahr 1978. Neben zeitgenössischen Komponisten wie Glass und Reich, Jazzern wie Monk und Rockern wie Zappa gilt das Interesse des Kronos Quartett seit einigen Jahren auch den Volksmusiken diverser Weltregionen. Im Jahr 1992 erschien mit Pieces Of Africa eine Sammlung afrikanischer Musiken, interpretiert in Zusammenarbeit mit afrikanischen Musikern. Zehn Jahre später liegt mit Nuevo eine Mexiko-Rundreise vor, in deren Dauer mexikanische Folklore ebenso vorgestellt wird wie die Erkennungsmelodien von TV-Shows.

Noch ein ganzes Stück unterhalb von Mexiko hat inzwischen auch Mercedes Sosa ihren Beitrag zur Verwischung der Grenzen zwischen Klassik, Folk und Weltmusik beigetragen. Die Argentinierin und "Stimme Lateinamerikas" hat im Jahr 2000 ihre Interpretation der Misa Criolla veröffentlicht. Die Komposition von Ariel Ramirez aus dem Jahr 1964 gilt als erste in spanisch eingesungene Messe. Formal besteht sie aus den fünf traditionellen Bestandteilen der europäischen Messe, enthält aber in den Kompositionen deutliche Elemente der südamerikanischen Folklore.

Wirkt die Werk-Auswahl im Falle der argentinischen Folk-Sängerin also naheliegend, sollte man in der westlichen Welt gut aufpassen, nicht in die "Best Of Kultur"-Falle zu tappen. Das passiert mitunter dem Kronos Quartet wie der Reihe "Klassik International". "Afrika" etwa ist ein riesiger, reichlich heterogener und politisch hochkomplexer Kontinent. Da mutet eine CD, die aus allen Zeiten, Gesellschaften und Gemeinschaften Musik zusammen bringt, wie das Zeugnis eines den Kontinent exotisierenden Blicks an. Die Art und Weise, wie dann in den jeweiligen Booklets die Musik wiederum in ihren konkreten Kontexten erläutert wird, zeigt: Man ist sich der Problematik schon bewusst.

Weitere Meister dieses Genres sind:

David Liang Mingyue, The Balinese Gamelan, Moscow Male Jewish Choir,Süleyman Erguner, Oum Koulthoum, Abd Al-Wahab, Modern Japanese Music Group, Evaristo Muyinda

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Kronos Quartet: Pieces Of Africa [1992]
Yamato Ensemble: The Art Of The Japanese Koto, Shakuhachi And Shamisen [2000]
Mercedes Sosa: Misa Criolla [2000]
Pandid Hari Prasad Chaurasia: Pandid Hari Prasad Chaurasia [2001]
Gyume Tibetan Monks: Tantric Harmonics [2001]
Yang Wei: Sunset-Glow Of Xishuang Banna [2001]
Klassik International: Türkei/ Arabien [2002]
Kalena: Ukrainian Voices [2002]
Klassik International: Japan/ Korea [2002]